3. Risiko-Quantifizierung
Die Risiko-Quantifizierung umfasst die Bestimmung von Ausfallwahrscheinlichkeit (Probability Of Default, PD), den Verlust bei Ausfall (Loss Given Default, LGD) und der risikoadjustierten Kapitalrendite (Risk Adjusted Return On Capital, RAROC). Sie liefert die Grundlage für die Preisgestaltung und weitere Kreditbedingungen.
Die kommerzielle Kreditvergabe in Banken basiert auch heute noch weitgehend auf einem manuellen Prozess der tiefgehenden Analyse von Basisdaten und der Bewertung weicher Faktoren. In solchen Fällen hängt die Kreditentscheidung zu einem nicht unerheblichen Anteil an der Erfahrung des Kreditsachbearbeiters, die einen relevanten Einfluss auf die Gewichtung der verschiedenen Risikoposten hat. Das ist nicht zwingend von Nachteil: Der Faktor Mensch kann ein Korrektiv sein für Daten aus manipulierten Büchern oder unrealistische Umsatz- und Wachstumsprognosen. Auf der anderen Seite können so systemische Fehler Einzug halten, die sich negativ auf die Marge des Kreditgebers auswirken.
Eine Untersuchung von Geschäftskrediten in Portugal kam für die Jahre 2018 und 2019 zum Ergebnis, dass vor allem bei längerfristigen Krediten die risikobereinigte Rendite um knapp 3 Prozent zu niedrig lag. Auch branchenspezifische Unterschiede wurden festgestellt. So bekamen Unternehmen im Baugewerbe, im Immobiliensektor sowie im Bereich Transport und Logistik ihre Kredite zu Konditionen, die das reale Risiko unterschätzten, während das verarbeitende Gewerbe sowie Groß- und Einzelhandel tendenziell überteuerte Kredite erhielten.
Das latente Misstrauen gegenüber selbst gemeldeten Daten der Kreditnehmer führte zu einem Geflecht aus manuellen Prozessen und Gegenkontrollen, die bis heute im Einsatz sind, weil das Vertrauen in diese Methoden höher ist als in moderne Technologien. Doch wissenschaftliche Studien zeigen, dass dies ein Trugschluss ist.
Das Whitepaper „Machine Learning in Credit Risk“ der Banco De España erläutert, dass der Einsatz von KI- bzw. ML-Algorithmen bei der Risikomodellierung zu bis zu 20 Prozent besseren Vorhersagen führt. Ein zusätzlicher Nutzen der ML-Modelle liegt darin, dass sie nicht allein die Rückzahlungsfähigkeit des Kreditnehmers berechnen, sondern auch weitere preisrelevante Kriterien auswerten können. Es gibt beispielsweise Anwendungen, die auch das Verhalten, wie beobachtete Loyalität gegenüber dem Institut oder ihre Preiselastizität gegenüber Cross-Selling-Strategien einbeziehen, um die optimale Segmentierung zu finden. Die positiven Effekte für die Bank schlagen sich in reduzierten Verlusten, besserer oder günstigerer Kapitalanforderungen und geringeren Betriebskosten nieder.